Montag
24
September
2018
 
Wissenwertes

Schweizer Straße

 

Die Schweizer Straße ist Wohn- und Geschäftsstraße, Einkaufsmeile und pulsierender Mittelpunkt von Sachsenhausen. Von der Untermainbrücke bis zur südlichen Mörfelder Landstraße ist sie 1.050m lang und mit 134 Bäumen (überwiegend Robinien und Platanen) bepflanzt. Pflanzbeginn war 1878/79.

 

 

 Die Schweizer Straße von oben

 Historie

Mit dem Bau der Untermainbrücke 1874 entstand auch die Schweizer Straße. Im gleichen Jahr zog das Personal der „Königlich-Preußischen Direktion der Bebraer-Hanauer Eisenbahn zu Kassel" in die beidseitig der Hedderichstraße neu gebauten Direktions- und Wohngebäude im spätklassizistischen Stil. Um 1910 war die Bebauung der Schweizer Straße abgeschlossen. Durch die „Schweizer", wie sie liebevoll genannt wird, floss schon immer reger Verkehr. Erst die Pferdebahn, dann ab 1889 (bis 1929) die dampfbetriebene Waldbahn und ab 1899 die Elektrische Straßenbahn. Seit 1984 unterqueren die U-Bahnen 1, 2, 3 den Main zur Innenstadt.

 

Spaziergang

Unser Weg beginnt am Schaumainkai. (Die geraden Hausnummern befinden sich auf der westlichen Seite der Straße, wobei in Frankfurt die Hausnummern überwiegend mainabwärts bzw. vom Main weg zählen. Bei Landstraßen zählen sie stadtauswärts.)

Das repräsentative neoklassizistische Mietshaus Nr. 2 - 4 beherbergt heute das Filmmuseum In der Nr. 4 - 8 entstand hier bereits 1887 die „Frankfurter Dampf-, Wasch- und Bade-Anstalt L. Mayer & Cons." Wohlhabenden Bürgern wurde das heiße Badewasser in die Wohnungen geliefert. Bis zur Städel- bzw. Metzlerstraße sind die unter Denkmalschutz stehenden Wohngebäude erhalten.

 

Schweizer Straße 1,3,5 und 7

Die Nr.1 auf der östlichen Seite entstand 1887, in der Nr.3 weist eine Gedenktafel auf den Maler Max Beckmann hin, der hier vorübergehend wohnte und arbeitete (siehe Seite 32). Auch Nr. 5-9 stehen unter Denkmalschutz. Ein Abstecher in die Metzlerstraße führt zum Museum für angewandte Kunst (mak), in dessen Park zwei "Schweizerhäuschen" stehen. Eines der schönsten Häuser im Stil der Neurenaissance ist die Nr.13. Haben wir die Gartenstraße überquert, beginnt die eigentliche Einkaufsmeile. Ein differenziertes Angebot erfüllt (fast) jeden Wunsch. In den Hinterhaushöfen finden wir kleine Handwerksbetriebe und verschiedene Gewerbe.

Eine Besonderheit befand sich in der Nr. 35 - 37. Die „Frankfurter Dampfmolkerei von L. Wissmann" arbeitete im Hinterhof seit 1885 bis zum Zweiten Weltkrieg. Mit einer 10-PS-Dampfmaschine und zwei Zentrifugen wurden stündlich 5001 Milch entrahmt. Im Höfchen genoss man Dickmilch mit Zucker und Zimt. Heute bietet ein Großkaufhaus Dinge des täglichen Lebens an.

Der Schweizer Platz, 1877 angelegt und mit Platanen bepflanzt, hat sein Aussehen mehrfach verändert.

Vom 20.01.1933 bis zum 30.01.1961 hieß er Gustav-Adolf-Platz.

Pulsierendes Herz, von dem sieben Straßen abgehen: Gern vergleicht man ihn mit Plätzen in Paris. Die Platzrandbebauung entstand um 1885 —1888. Heute wird er von der Straßenbahn durchfahren und der U-Bahn unterquert. Obststände, Kiosk und Caféhaus machen ihn zum lebendigen Treffpunkt.

Weiter südlich begrenzen Gründerzeithäuser um 1900 die mit Robinien bestandene Allee. Zwei traditionelle Apfelweinwirtschaften „Zum gemalten Haus" (Nr. 67) und „Wagner" (Nr. 71), pistros, Eisdielen und Restaurants bieten vielfältigen Genuss. Die Mietshäuser Nr. 84 - 86 und 98 -100, zwischen 1899 und 1902 erbaut, stehen unter Denkmalschutz. Zwischen Kaulbachstraße und Hedderichstraße entstand 1901 das Kaiser-WilhelmGymnasium, seit 1946 Freiherr-vom-Stein-Gymnasium.

 

 

Am Schweizer Platz

 Kleiner Abstecher

Der Hedderichstraße in östlicher Richtung folgend, erreicht man den Südbahnhof. Im November 1938 wurden vom Südbahnhof aus über 2 500 jüdische Bürger deportiert.

Aber auch ein Abstecher in die westliche Richtung lohnt sich. Dort befindet sich die Hedderichstraße 108, ehemaliger Sitz der Schriftgießerei D. Stempel, gegründet 1895, bekannt als „Stempelfabrik". Das Gebäude der Stempel AG hat Portalanlagen von 1908 und 1924, gestaltet in Anlehnung an süddeutschen Barock.

In dem Gebäude befinden sich heute Büros, Verlage, die Werkstatt und das Archiv des Architekturmuseums. Daneben, in östlicher Richtung, befand sich bis 1910 die Schnupftabakfabrik Bolongaro.

Wieder zurück zur Schweizer Straße kommen wir an den ehemaligen Bauten der „Königlich-Preußischen Direktion der Bebraer-Hanauer Eisenbahn zu Kassel", der späteren „Hessischen Ludwigsbahn" vorbei.

Für Essen und Trinken ist bei dem vielfältigen traditionellen und internationalen Angebot in Gastwirtschaften und Restaurants bestens gesorgt. Dem Eiligen bieten Metzgereien preiswerten Mittagstisch. Der Flaneur kann in Straßencafes und Bistros das Leben vorbeibrausen lassen. Vegetarier haben an den Obst- und Gemüseständen am Schweizer Platz ihr Vergnügen. Die Traditions-Apfelweinwirtschaften bieten an blank geputzten Holztischen Sachsenhäuser Spezialitäten und den erfrischenden „Ebbelwoi" an.

 

Porträt

Max Beckmann wurde 1915, nach Entlassung aus dem Kriegsdienst, bei seinen Freunden Ugi und Fridel Battenberg in der Schweizer Straße 3 aufgenommen. Er nutzte deren Atelier im 4. Obergeschoss und wohnte auch bei ihnen. 1925 zog er mit seiner zweiten Frau ,Quappi` in die Steinhausenstraße. Im gleichen Jahr erhielt er sein Meisteratelier am Städel. Eine Professur wurde ihm verweigert. 1933 verlor er seine Anstellung am Städel, seine Bilder verschwanden als „entartete Kunst" aus den Museen und Galerien. Er ging erst nach Berlin, emigrierte dann in die USA und kam nie wieder zurück. In Sachsenhausen ist in der Nähe des Südfriedhofs eine Straße nach ihm benannt.

 

Extratipp

Das Schweizer Straßenfest ist seit 1984 jährlicher Anziehungspunkt für Sachsenhäuser und „Eigeplackte". Ein internationales Angebot an Musik, Modeschauen und kulinarischen Angeboten machen es zu einem überregionalen Ereignis.

 

Text: Bigi Jacobs in "Sachsenhausen neu entdecken" von Antje Jens (Hrsg.),

Societäts-Verlag 2005, ISBN 3-7973-0929-5

Fotos: frankfurt-sachsenhausen.de

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