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25
Juni
2018
 
Wissenwertes

Mühlberg und östlicher Sachsenhäuser Berg

Historie

Mit dem erstmals in einer Urkunde vom 14. August 1284 erwähnten Namen „Hohenrad" beginnt unsere Geschichte über den Mühlberg und Sachsenhäuser Berg. Der Ort, bestehend aus einigen Anwesen, existierte bis etwa Ende des 14. Jahrhunderts. Er lag zwischen der Quirinspforte und dort, wo später der Seehof stand, also am Mühlberg. Im Jahre 1372 kaufte der Rat der Stadt den Stadtwald, der damals aus der gesamten Fläche des Alten Bergs (Sachsenhäuser Berg) und Neuen Bergs (Mühlberg) bestand.

 

 Henninger Turm auf dem Sachsenhäuser Berg

Der Henninger Turm auf dem Sachsenhäuser Berg

Die Rodungen des Waldes wurden sofort durchgeführt und im Jahre 1374 die Parzellierung für den Weinanbau vorgenommen. Da der Weinanbau sich immer mehr ausdehnte, verbot der Rat der Stadt 1501 die weitere Anlage von Weingärten. Geringere Ernteerträge im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts, bedingt durch klimatische Veränderungen und Befall von Mehltau, ließen den Weinanbau zurückgehen. Nachdem um 1880 die Reblaus den verbliebenen Weingärten zu schaffen machte, wurde der Weinbau ganz eingestellt. Die Weinberge wurden nach und nach in lebensnotwendige Gemüsegärten umgewandelt.

Auch als Fluchtstätte vor dem Hochwasser des Mains diente der Mühlberg. So unter anderem im Jahre 1342. Im 18. Jahrhundert wurden von den begüterten Bürgern die ersten Gartenhäuser erstellt. Mit der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts veränderte sich das gesamte Bild des Gebietes zwischen der Offenbacher Landstraße und dem Stadtwald. An dem Offenbacher Fahrweg (Offenbacher Landstraße), am Fuß des Mühlbergs, am Hainer Weg und Wendelsweg und an der Darmstädter Chaussee (Darmstädter Landstraße) siedelten sich Fabriken und Brauereien an. Heute sind nur noch wenige davon geblieben, die Seilfabrik Reutlinger und die Brauerei Binding. Mit der Ausdehnung Sachsenhausens Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte der Ausbau des öffentlichen Personen-Nahverkehrs.

Am 18. Februar 1884 rollten die ersten Wagen der „Frankfurt-Offenbacher-Trambahn-Gesellschaft" (FOTG) durch die Offenbacher Landstraße Richtung Offenbach. Die Bahn war eingleisig. Den Strom erzeugte eine in Oberrad stehende Dampfmaschine. Diese Bahn wurde 1906 von einer veränderten „Elektrischen" — der Linie 16 — ersetzt. Im Jahre 1910 wurde die Linie 4, die durch Schul- und Wallstraße bis Wendelsplatz fuhr, bis zum Südfriedhof verlängert. Der Sachsenhäuser Berg war dem öffentlichen Personenverkehr angeschlossen. Bis 1955 wurde der Betrieb zum Südfriedhof durchgeführt, um dann zur Stadtgrenze Offenbach umgeleitet zu werden. Die Buslinie 36 fährt heute zum Südfriedhof mit Endhaltestelle Babenhäuser Landstraße/Hainer Weg. Geblieben ist die Linie 16, die nach wie vor über die Offenbacher Landstraße nach Offenbach — allerdings nur noch bis zur Stadtgrenze — fährt. Seit 1992 ist der Mühlberg auch an das S-Bahn-Netz angeschlossen. Die Station „Mühlberg" ist Haltestelle der S-Bahnen 1, 8 und 9.

 

Spaziergang

1. Unser Spaziergang beginnt am Wendelsplatz — Kreuzung

Darmstädter/Offenbacher Landstraße — und führt den ehemaligen Oberrad entlang. Am Beginn des Hainer Wegs, befand sich die im Jahre 1372 vom Bartholomäusstift (Dom) errichtete Wendelinskapelle. In vorhandenen Urkunden taucht sie immer wieder auf, bis sie nach Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 nicht mehr erwähnt wird. In der Pfarrkirche St. Wendel, im Wendelsweg und Wendelsplatz blieb der Name bis heute erhalten. Der heilige Wendelin ist der Schutzpatron der Schäfer und Bauern.

2. Weiter geht es in Richtung Osten in die Offenbacher Landstraße. Dort, gegenüber dem Haus Nr. 11, befindet sich der Quirinsbrunnen benannt nach. der Quirinspforte, die sich in unmittelbarer Nähe des Wendelsplatzes befand. Sie wurde im Jahre 1552 abgebrochen. An der Pforte wurde vom Torwächter der Geleitschutz für die nach Süden reisenden Handelsherren zusammengestellt. Der Rat der Stadt ließ im Jahre 1790 einen Sandsteinobelisken mit einem Becken davor, den Quirinsbrunnen, errichten.

3. An der Stadtteilgrenze zu Oberrad liegt die Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen. Ursprünglich war dort der Gutshof der Familie Bethmann-Hollweg. Im Jahre 1840 erwarb Georg von Saint-George den Besitz und errichtete ein neues klassizistisches Landhaus. Der bekannte Frankfurter Stadtgärtner Sebastian Rinz gestaltete den Park, der später erweitert wurde. Neuer Eigentümer des 40 Morgen großen Geländes wurde 1925 das Bistum Limburg. Man richtete eine Ausbildungsstätte für Priesteramtskandidaten ein und nannte sie Sankt Georgen. Im Zweiten Weltkrieg zerstört und in der Nachkriegszeit wieder aufgebaut, übernahm 1970 der „Orden der Gesellschaft Jesu" die Trägerschaft der Hochschule. Der historische englische Park blieb weitgehend in der ursprünglichen Gestalt erhalten. Auf dem öffentlich zugänglichen Gelände befindet sich die Hochschule, das Priesterseminar, die Kommunität der Jesuiten und eine öffentliche Bibliothek.

4. Vor dem Mühlberg lag der Seehof, der sich im heutigen Seehofpark befand. Erstmals im Jahre 1283 urkundlich erwähnt, wurde er 1288 an den Deutschen Orden verkauft. Es handelte sich um Fischteiche, die vom Fersbrunnen gespeist wurden. Aus dem See floss das Wasser zur Deutschherrnmühle (früher Mühle Hohenrade). Am unteren Ende des Sees standen der Große und der Kleine Seehof. Am 21. 10. 1828 brannte die Deutschherrnmühle nieder. Im Jahre 1842 erwarb die Stadt den Hof und 10 Jahre später auch das Nutzungseigentum der Quelle. Der Bevölkerungsanstieg führte zu Wassermangel, sodass sich 1856 die Stadt dazu entschloss, die Quellen im Seehof zu fassen. Ab 1859 wurden täglich 1200 —1900 in3 Wasser in das Netzwerk eingespeist.

Nicht nur Deutschlands erfolgreichste Frauenfußball-Mannschaft (1. FFC) kommt aus Frankfurt, sondern auch die Wiege des Frauenfußballs stand in der Mainmetropole. Lotte Specht (die „flotte Lotte"), eine bekannte Frankfurter Kabarettistin, gründete 1930 den „Ersten Deutschen Damenfußballclub" (1. DDFC). Auf der Seehofwiese wurden die ersten Begegnungen ausgetragen. Nach nur einem Jahr musste der Spielbetrieb eingestellt werden. Der Fußballverband lehnte die Aufnahme des Clubs ab. Eltern verboten ihren Töchtern den Kontakt zu Lotte Spechts 1. DDFC. Die Mitbürger verspotteten die „verrückten Weiber" und lehnten jede Unterstützung ab.

 

Muehlbergschule

Mühlberg-Schule

 

5. Wir begeben uns nun auf den Mühlberg, der im Mittelalter „Neuer Berg" hieß. An der Kreuzung Lettigkautweg/Auf dem Mühlberg befindet sich die Mühlberg-Schule. Als simultane Bürgerschule für Knaben und Mädchen wurde sie im Jahre 1906 eröffnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie vorübergehend als Berufsschule für Frauen genutzt. Als die Berufsschüler 1962 auszogen, wurde sie Hauptschule und 1966 Grundschule. Ein Teil des Gebäudes wird heute von dem Verein zur Förderung und Betreuung spastisch gelähmter Kinder genutzt.

6. Weiter führt uns der Weg zu dem in unmittelbarer Nähe liegenden Mühlberg-Krankenhaus. Im Jahre 1871 erwarb der Offenbacher Fabrikant Karl Oehler das Gelände von der Familie Engelbach-Bansa. Nach französischem Vorbild ließ er sich eine schlossartige Villa erbauen. In der das Gebäude umgebenden Mauer ist ein Tempel aus dem frühen 19. Jahrhundert integriert. Sein Erbauer nannte ihn — vermutlich wegen der Nähe zum Willemer Häuschen — „Goethetempel". Er befindet sich noch an der gleichen Stelle in der Mauer der Parkanlage des Krankenhauses. Das Diakoniewerk Bethanien kaufte 1936 die Villa. Als Krankenhaus mit 60 Betten wurde es am 19. März 1938 in Betrieb genommen. Bei schweren Bombenangriffen im Oktober 1943 und Januar 1944 wurde das Krankenhaus bis auf die Grundmauern im zerstört. In den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde es wieder aufgebaut und er weitert.       Am 31. 07.2004 wurde das Krankenhaus geschlossen. Im Jahr 2008 wurde hier eine Seniorenresidenz eröffnet (Anm. der online-Redaktion).

 

 Seniorenresidenz auf dem Muehlberg

Seniorenresidenz auf dem Mühlberg (früheres Mühlberg-Krankenhaus)

 

7. Ein paar Schritte weiter — Auf dem Mühlberg 45 — steht die Villa Hahn. Das zweigeschossige ehemalige Sommerhaus mit Mansarddach ließ sich der Kaufmann Kleig im Jahre 1782 direkt über dem Steilabfall des Mühlbergs erbauen. Es ging später in den Besitz der Familie Hahn (Glasbau Hahn) über. Der Nobelpreisträger für Chemie, Otto Hahn, war im Hause seines Cousins „Glas-Otto“ gern gesehener Gast.

8. In unmittelbarer Nähe befindet sich das wohl bekannteste Gartenhaus des Mühlbergs, das Willemer Häuschen, im Jahre 1809 vom Bankier Johann Jacob von Willemer erworben. Er war auch der Pächter der Gerbermühle, die er vom erzbischöflich-mainzischen Hofgut übernommen hatte. Johann Wolfgang von Goethe — Frankfurts großer Sohn — weilte in den Jahren 1814/15 für einige Tage als Gast der Familie Willemer in der Gerbermühle. Die Zuneigung Goethes zu der Ehefrau des Bankiers von Willemer, Marianne, fand in den Gedichten im Buch „Suleika" des „West-östlichen Divans" seinen Ausdruck. Am Abend des 18. Oktobers 1814 beobachteten Goethe und Marianne die aus Anlass des Jahrestages der Völkerschlacht bei Leipzig auf den umliegenden Höhen entzündeten Freudenfeuer. Im Jahre 1902 richtete das Freie Deutsche Hochstift das sich im Besitz der Stadt befindliche Häuschen mit Erinnerungsgegenständen ein. Auch hier hinterließ der Zweite Weltkrieg seine Spuren. Auf Initiative der Stadt und des Freien Deutschen Hochstifts wurde das Häuschen in den Jahren 1962-1964 wieder aufgebaut. Das Freie Deutsche Hochstift unterhält unter anderem Goethes Geburtshaus, außerdem eine umfangreiche Spezialbibliothek zur Goethezeit und Romantik im Nachbarhaus. Das Museum für Kunsthandwerk stattete das Willemer Häuschen mit Leihgaben aus, darunter dem Waschtisch von Marianne von Willemer. Im Stil der Rokokozeit wurde der Garten gestaltet. Von Mitte April bis Mitte Oktober ist es jeweils sonntags von 11.00 bis 16.00 Uhr für Besucher geöffnet.

 

Willemerhaeuschen

Willemerhäuschen

 

9. Auf dem Mühlberg 14 steht die Herz-Marien-Kirche. Ursprung der Kirche war das Priesterseminar des Clarentiner Ordens. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen viele Bewohner des Mühlbergs an den Sonntagsmessen des Clarentiner Ordens teil, um den weiten Weg zur Deutschordenskirche zu vermeiden. Die Räumlichkeiten zum Abhalten der Messen reichten nicht mehr aus. Im Jahre 1959 wurde deshalb die Herz-MarienKirche errichtet und ab diesem Zeitpunkt von den Ordensbrüdern der Clarentiner betreut. Frankfurts kleinste katholische Gemeinde mit 300 Seelen musste nach 30 Jahren jedoch aufgelöst werden. Der Weg der Gläubigen ging nun bergauf zur Gemeinde Sankt Wendel. Im Januar 1990 übernahmen die polnischen Katholiken die Kirche. Erstmals war damit eine ausländische Kirche nicht Gast in einer anderen Gemeinde.

10. Das nächste Ziel ist nicht zu übersehen: der Henninger Turm — mit 120 m Höhe Wahrzeichen von Sachsenhausen. Er wurde im Jahre 1960 von der Henninger Brauerei als Lagersilo für 20 000 t Gerste und Malz errichtet. Erst nach heftigen Debatten durfte der Turm gebaut werden. 1100 Jahre war der Domturm mit 95 Metern das höchste Bauwerk Frankfurts gewesen und sollte von keinem anderen Gebäude überragt werden. Anziehungspunkt für die Besucher waren bis zur Schließung am 31.10. 2002 das Drehrestaurant und die Aussichtsplattform. Von dort hatte man bei gutem Wetter einen Ausblick über einen großen Teil des Maintales. Im Gebäude befand sich außerdem ein öffentlich zugängliches Brauerei-Museum.

Um den Turm herum liegt das 110 000m² große Gelände der Henninger Brauerei, ehemals Stammsitz von Frankfurts bekanntester Braustätte. Für 593 000 Gulden übernahm im Jahre 1874 C. Henninger von J.H. Stein den Betrieb auf dem Sachsenhäuser Berg. Es war der Anfang einer der bekanntesten Biermarken in Deutschland und im europäischen Ausland. Am 1. November 2001 wurde der Betrieb an die Binding-Brauerei veräußert, die sich direkt nebenan befindet. Im verminderten Umfang produziert Binding die Traditionsmarke „Henninger" weiter. Die Planung sieht vor, auf dem Gelände Wohn- und Geschäftsbauten zu errichten. Was mit dem Turm geschieht, der als Lagersilo nicht mehr benötigt wird, ist völlig offen. Sachsenhausens Bürger und der Ortsbeirat kämpfen um den Erhalt ihres Wahrzeichens. Bekannt wurde der Turm auch durch den alljährlich stattfindenden Rad-Klassiker „Rund um den Henninger Turm". Am 1. Mai traf sich die 'Weltelite der Straßenfahrer zum Start vor dem Brauerei-Gelände an der Darmstädter Landstraße. Nach über 200 km Fahrt durch den Taunus wurde der Sieger im Ziel Darmstädter Landstraße erwartet. Am 01. Mai 2008 fand das Radrennen letztmalig statt (Anm. der online-Redaktion).

11. Einige Minuten Gehweg weiter — an der Ecke Hainer Weg/Altes Schützenhüttengässchen — war der Hochbehälter für die Wasserversorgung des Stadtteils Sachsenhausen. Das Bauwerk wurde 1873, nach den Plänen von Wasserwerkdirektor Friedrich errichtet, in Betrieb genommen. Im Jahre 1971 wurde der Hochbehälter stillgelegt. Das Gelände wurde mit sechs Wohnhäusern bebaut. Der Hochbehälter —bis auf das denkmalgeschützte Eingangsbauwerk — musste den Neubauten weichen.

 

Bergkirche

 

12. An der nächsten Kreuzung befindet sich die Bergkirche. Die zunehmende Bebauung auf diesem Teil des Sachsenhäuser Berges machte es in der Mitte des vorigen Jahrhunderts erforderlich, eine neue protestantische Gemeinde einzurichten. Zunächst wurde 1958 das Gemeindezentrum eröffnet und 1966 die Kirche eingeweiht. Die vom Architekt Dipl.-Ing. Werner Neumann in kubischer Form entworfene Kirche mit dem 36m hohen frei stehenden Glockenturm bildet das Gegenstück zu den Rundungen der in der Nähe stehenden katholischen Kirche Sankt Wendel.

13. In der Babenhäuser Landstraße 25 steht die einzige nach außen erkennbare Moschee Frankfurts. Vom Hamburger Architekten Knaak entworfen, wurde sie am 12.September 1959 eingeweiht. Die Nuur-Moschee dient der Ahmycliyya-Muslim-Bewegang als Gebetshaus und Ort der Begegnung. Jedes Jahr findet ein Tag der offenen Tür statt, damit auch Andersgläubige Gelegenheit zur Besichtigung und zu Gesprächen haben.

14. Gegenüber der Sachsenhäuser Warte befindet sich der 1972 an die Wasserversorgung neu angeschlossene Hochbehälter. Durch den Bauboom der 60er Jahre wurde es erforderlich, diesen weiteren Hochbehälter mit einem Fassungsvermögen von 20 000 m3 in Betrieb zu nehmen. Zum gegenüberliegenden Hochbehälter im Boehle-Park (siehe Seite 56).

15. Ein weiteres weithin sichtbares Wahrzeichen Sachsenhausens liegt an der Darmstädter Landstraße (früher Darmstädter Chaussee). Die Sachsenhäuser Warte war ein Teil der Landwehr.

 

Sachsenhaeuser Warte

Sachsenhäuser Warte

 

Auf Beschluss des Rates der Stadt von 1393 sollte das Stadtgebiet durch eine Landwehr — bestehend aus Gräben, Hecken und hölzernen Warten vor der Stadt — gegen überraschende Überfälle geschützt und rechtzeitig gewarnt werden. Vorgänger der jetzigen Warte war ein im Jahre 1396 auf dem Neuen Berge (Mühlberg) errichteter hölzerner Beobachtungsturm. Bereits im Jahre 1414 wurde ein weiterer Turm erstellt, der einen „steinernen" Fuß hatte. Der Holzturm versah weiterhin seine Dienste bis 1425 und wurde dann niedergelegt. Nach vielen langen Verhandlungen wegen Grenzschwierigkeiten konnte 1471 die heutige Warte — als Ersatz für die 1414 erstellte — als Wachtturm bezogen werden. Die neue Warte bestand aus dem 25m hohen Turm, Mannschaftsgebäude, Waffenlager und einem Brunnen. Während der Sachsenhäuser Belagerung durch den Markgrafen von Brandenburg im Jahre 1552 wurde die Warte niedergebrannt. Sie wurde wieder aufgebaut, ebenso wie nach weiteren Zerstörungen danach. Anstelle des baufälligen Wächterhauses wurde 1767 — nach Plänen von Stadtbaumeister Liebhardt — ein barockes Gebäude errichtet. Ein Teil des Gebäudes diente dem Förster, der inzwischen eingezogen war, als Wohnstätte.

Ein weiterer Teil des Gebäudes war den Geleitherren vorbehalten. Diese empfingen bis 1802 zur Messezeit die Nürnberger Kaufleute an der Warte und geleiteten sie in die Stadt. Reste des Wohnhauses und des Brunnens sind heute noch erhalten. Außerdem kann man an der Außenmauer des Turmes noch die Befestigung des Schlagbaumes sehen. Bis 1927 wohnten in dem Gebäude der Oberforstmeister und Forstmeister und danach der Revierförster. Bei einem Luftangriff im Jahre 1944 wurden die Gebäude — bis auf den Turm — schwer beschädigt. Nach dem Kriege notdürftig wieder hergerichtet, erfolgte der Ausbau zur Gaststätte im Jahre 1980 durch die Binding-Brauerei. Seit Januar 2002 hat Sachsenhausen — wie der Stadtteil Bergen-Enkheim —auch einen Stadtschreiber. Die Idee hatten der Wirt der Warte und der Herausgeber des Stadtmagazins „Journal Frankfurt". Aus 93 Bewerbungen wurde als 1. Stadtschreiberin Sachsenhausens die Autorin Cornelia Christine Anken ausgewählt. Ab 1. Januar 2002 wohnte sie zeitweise im Turm und schrieb dort den Krimi „Narrenspiel". Weitere Stadtschreiber sollen in Zukunft den Turm bewohnen und dort tätig werden.

16. Einige Schritte von der Warte entfernt kommen wir zum Haupteingang des Südfriedhofes. Mit wachsender Bevölkerung Sachsenhausens wurde es Mitte des 19. Jahrhunderts. erforderlich, als Ersatz für den Friedhof an der Schifferstraße (siehe Seite 21) einen neuen Friedhof anzulegen. Aufgrund eines Ratsbeschlusses aus dem Jahre 1864 entschied man sich für die Anlage weit vor den Toren der Stadt. Am 1. Januar 1868 fand die erste Beerdigung statt, obwohl die funktionellen Einrichtungen noch fehlten. Leichenhaus und Verwaltungsbau wurden erst 1875 fertig gestellt.

 

Haupteingang des Südfriedhofes

Die Trauerhalle mit Kuppel nach Vorbild des Florentiner Barocks, entworfen vom Stadtinspektor Koch, wurde in den 90er Jahren gebaut. Mit der Ausschmückung der Nischen durch den Votivmaler Leopold Bode im Jahre 1896 war die Trauerhalle fertig gestellt. Im Zweiten Weltkrieg ausgebrannt, konnte sie 1949/50 nach Wiederaufbau ihre Funktion wieder aufnehmen. Auf dem 14 ha großen Gelände ist die Vielfalt der Bäume und Pflanzen einen besonderen Rundgang wert. Prominente Frankfurter Bürger fanden hier ihre letzte Ruhestätte:

Oskar Sommer, Architekt u.a. des „Städel"

Eduard Lampe, Arzt (Privatkrankenhaus Sachsenhausen)

Bruno Schubert (Henninger Brauerei)

Oskar Ursinus, Ingenieur (Segelflugsport)

Richard Kirn, Journalist

Georg Krämer, Bildhauer (Brunnen)

Helmut Walcha, Organist (Dreikönigskirche)

Alois Giefer, Architekt

Ottmar Emminger, Bundesbankpräsident

17. Zum Abschluss unseres Spazierganges über den Mühlberg und den östlichen Teil des Sachsenhäuser Berges erreichen wir, direkt am Südfriedhof gelegen, die katholische Pfarrkirche Sankt Wendel. Wie bei der evangelischen Bergkirche machte der Bevölkerungszuwachs der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts es notwendig, eine neue Gemeinde zu gründen. In einer Notkirche auf einem ehemaligen Brauereigelände wurden ab 1938 die Gottesdienste abgehalten. Die Kirche erhielt ihren Namen nach der ehemaligen Wendelinskapelle am Wendelsplatz. Nachdem am 1. April 1953 die Gemeinde zur Pfarrei erhoben wurde, plante man den Bau eines neuen Gotteshauses. Der bekannte Architekt Prof. Johannes Krahn, erhielt den Auftrag zum Bau. Am 10.November 1957 wurde die Kirche Sankt Wendel eingeweiht. Die strenge Nüchternheit des Baues erinnert an die großen Benediktinerbauten des 11. Jahrhunderts Im Jahre 1976 wurde ein neues Gemeindehaus erstellt. Der Entwurf stammt von Johannes Krahn jun. Von 1969-1995 war Lothar Zenetti Pfarrer in Sankt Wendel, der durch seine Publikationen in Frankfurter Mundart bekannt wurde. 

 

Essen und Trinken

· Sachsenhäuser Warte, Darmstädter Landstr. 279

· Casa Isoletta, Babenhäuser Landstr. 1

 

Anekdote

Frankfurts Lokaldichter Friedrich Stoltze berichtet in seiner Erzählung von „Frankfurts Macht und Größe", wie er als fünfjähriger Bub mit seinem Großvater einen Spaziergang zur Sachsenhäuser Warte unternahm.

,„No`, hat mei Großvatter gesacht, wann merr an die Sachsenhäuser Waart enuff komme, da werrscht de odder emal erscht die Aage uffreiße un gucke!' Da owe awwer an de Waart hat mich mei Großvatter uff en Chausseehaufe gehowe und gesacht: ,No, jetz guck emaal da enunner.` Un ich habb der aach werklisch baade Aage weit uffgerisse vor Verwunnerung un es Maul derrzu, dann dass die Welt so groß wär, dess hätt ich net geglaabt."

 

Besuchertipps

· Phil. Theol. Hochschule St. Georgen, Offenbacher Landstr. 224

· Goethetempel im Garten des Mühlberg-Krankenhauses, Auf dem Mühlberg 30

· Willemer Häuschen, Hühnerweg 74

· Südfriedhof, Eingang Darmstädter Landstraße

 

 
 

 

Text: Georg Becker in "Sachsenhausen neu entdecken" von Antje Jens (Hrsg.),

Societäts-Verlag 2005, ISBN 3-7973-0929-5

Fotos: frankfurt-sachsenhausen.de

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